Rituale gegen den Weihnachtsstress und was das mit Fußball zu tun hat

Bei uns gab es früher immer dasselbe an Heiligabend zu Essen: Kaltes Abendbrot mit Lachs, Geflügelsalat, kleinen Würstchen und anderen Leckereien. So erledigten sich somit die Diskussion um Gans, Karpfen oder doch lieber ein Fünf-Gänge-Menü. Genauso verhielt es sich mit dem Ablauf: Morgens waren meine Schwester und ich beim Opa, nachmittags mussten wir uns dann selbst beschäftigen, 17 Uhr Kindergottesdienst, Abendessen, Oma und Opa kamen, Bescherung. Später rutschte dann der Gottesdienst ans Ende um 23 Uhr – irgendwann mussten wir den Engelschor beim Krippenspiel in der letzten Reihe nicht mehr auffüllen. War auch besser so ;-).

Dieser feste Ablaufplan gab uns allen immer ein stabiles Raster, an dem wir uns orientieren konnten. Wir fuhren nie wild zu Verwandten durch die Gegend. Wir Kinder mussten nicht quengeln, weil wir genau wussten, dass erst der Gottesdienst dran war, dann das gemeinsame Abendessen und dann erst die Geschenke.

Little Girl Eating Corn © Rawpixel.com

Weihnachten ist die Zeit der Rituale. Das Aufstellen der Krippe, das Schmücken des Baumes, das gemeinsame Singen. Und sie erleichtern uns das Leben.

Okay, das klingt erst mal verwirrend – Wie kann einen das Baumschmücken das Leben erleichtern? Gibt es da nicht besonders viel Zündstoff? Engel auf der Spitze oder lieber einen Stern? Klassisch rot-gold oder mal schwarz-weiß? Gekaufte Kugeln oder gefädelte Popkorngirlanden?

Gemeinsame Rituale finden und Vorlieben des Einzelnen als Entlastung begrüßen

Rituale fallen natürlich nicht vom Himmel (wäre natürlich passend an Weihnachten). Sie müssen erst einmal gefunden werden. Jede Partnerschaft oder Familie hat andere Vorstellungen, Vorlieben, Konstellationen oder besondere Bedürfnisse. Schaut, was zu euch passt oder was ihr aus der Vergangenheit übernehmen möchtet. Aber seid euch im Klaren: Das gibt am Anfang bestimmt Diskussionen.

Unsere Familie war beispielsweise gar nicht begeistert, als wir unser „wer uns an Weihnachten sehen möchte, kommt bitte an Heiligabend vorbei“ einführten. Wir sind eine Patchwork-Familie und Wolf muss an Weihnachten teilweise auftreten. So würden wir uns jedes Jahr von neuem zerreißen und Menschen vor den Kopf stoßen, wenn wir alle unter einen Hut bringen und besuchen wollten. Unser Haus steht nun an diesem Abend allen offen: Familie, Freunden von Familie, Freunden, Nachbarn – jedem, der gerne mit uns feiern möchte. Alle kommen vorbei und niemand ist böse, wenn in einem Jahr die Oma lieber zu den anderen Söhnen fährt. Und so ist Weihnachten bei uns immer bunt und jedes Jahr anders. Aber immer schön.

Ein anderes Beispiel: In unserer Familie wurde der Baum immer am 17. Dezember gekauft und am Abend des 23. Dezembers geschmückt. Ich bin davon ausgegangen, dass dies auch bei uns so sein würde. Aber der Liebste kauft den Baum irgendwann und schmückt ihn dann auch sofort – damit sich der Kauf auch lohnt. Das ist sein persönliches Ritual, das ich mittlerweile akzeptiert habe. Seine Baumentscheidung, sein Aufbauritual, seine Lichterkettendrapieraktion. Das alles entspannt ihn und nimmt auch mir wieder den Stress. Denn warum soll ich mich um dieses Thema kümmern, wenn er das sehr gerne macht und meine Einmischung nicht wirklich schätzt.

Ihr seht, es gibt ganz viele Möglichkeiten. Wichtig ist

  1. gemeinsame Rituale zu finden, die in den nächsten Jahren durchgeführt werden und
  2. Rituale des einzelnen zu integrieren.

Beides reduziert den Stress ungemein! Es ist nämlich ganz einfach: Rituale können dazu beitragen, dass Erwartungen nicht enttäuscht werden und damit Streit vermieden wird. Ist erst einmal ausgehandelt, was es zu essen gibt und wer die Adventsdeko aufstellt, muss man das nicht jedes Jahr neu diskutieren. Gerade für die Kleinen sind feste Gewohnheiten besonders wichtig, weil sie Verlässlichkeit schaffen.

Lockstein © seewhatmitchsee

Singen kann die Welt ein bisschen in Ordnung zu bringen?

Warum gehen Menschen, die das ganze Jahr mit der Amtskirche nichts am Hut haben, an Weihnachten in den Gottesdienst? Warum mögen wir das Singen von Weihnachtsliedern so gerne?

Erst einmal: Weil wir/unsere Familie es immer schon so gemacht haben. Also wieder ein Ritual. Und dann ist der Gottesdienst oder das gemeinschaftliche Singen fast dasselbe wie ein Besuch im Fußballstadion. Es verbindet uns mit anderen. Wir bauen eine Gemeinschaft auf, sprechen mit einer Stimme. Es hat eine gemeinschaftsstiftende Funktion. Und das nimmt uns wiederum den Stress, den wir in der Vorweihnachtszeit aufgebaut haben.

… nicht nur zur Weihnachtszeit …

Was wir daraus lernen können? Das, was uns zu Weihnachten entlastet, kann uns das ganze Jahr das Leben ein bisschen einfacher machen. Implementiert regelmäßige Rituale, um den Alltag zu erleichtern. Vielleicht der Nudelmontag (den gibt es bei uns, weil wir montags immer so fantasielos sind)? Oder der Gemeinschaftswochenendeinkauf am Freitag? Sandalen werden von nun am immer am 30. April für die gesamte Familie gekauft? Schaut doch mal, was ihr regelmäßig in euer Leben eintakten könnt.

Sooo, und ich setz mich jetzt aufs Sofa und warte entspannt auf den diesjährigen Weihnachtsbaum. Die Plätzchen backt traditionell das Kind und ich habe das Weihnachtsfilmguck-Ritual auf dem Plan J.

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