Wenn mal wirklich nichts mehr geht – Wie bekomme ich den Haushalt in den Griff?

Vor zwei Jahren war ich gesundheitlich ganz, ganz weit unten. Das Einzige, was noch funktionierte war das Selbstmitleid, der Gang zur Toilette und das Durchziehen aller Staffel der „Vampire Diaries“. Und das nicht nur ein paar Tage lang.

Ich hatte in dieser Zeit den besten Mann an meiner Seite und eine ganz wunderbare Tochter. Aber trotzdem bekam ich immer, wenn ich durch die Wohnung ging Schuldgefühle. Aber es war mir einfach unmöglich, mich um das Blumengießen, Wäschewaschen oder das Ausräumen der Spülmaschine zu kümmern. Klar ging es mir gesundheitlich nicht gut, aber rein körperlich hätte ich das schon schaffen können – nur irgendwann war der einfachste Alltag zu viel. ich habe auf mein Laptop gestarrt und vor mich hin gejammert. im Nachhinein würde ich sagen, dass ich ein wirklich schlimme Depression hatte.

Alles ist unmöglich

Kennt ihr das, wenn man sich umschaut und das Wort „unmöglich“ vor dem inneren Auge auftaucht? Dabei ist es egal, ob das Leben einen gerade überfordert, ob man krank ist oder ein Schicksalsschlag einen in die Knie zwingt. Vielleicht habt ihr gerade ein wunderschönes Baby bekommen und es will einfach nicht so funktionieren, wie ihr es geplant habt? Oder ihr habt Angst? Angst ist das Allerschlimmste, weil sie einen so unsagbar lähmen kann … Es fehlt die Zeit … oder Energie … oder beides. Oder man wacht morgens voller Motivation auf, endlich das Chaos wieder in den Griff zu bekommen und ein paar Stunden später hat man sich im Sumpf von außer Kontrolle geratenen Spielsachen, Wäschebergen und Kindergequängel wieder verloren. Kenne ich. Und kennt ihr bestimmt auch.


Motivation bei Krankheit

Alle sind besser organisiert, haben ihr Leben farblich kodiert, die Wäsche ordentlich gefaltet und sind super gelaunt. Nur bei mir liegt ein riesiger Berg dreckiger Sachen vor der Waschmaschine und wenn ich das hier schreibe, dann meine ich das auch so. Leider befindet sich die Waschmaschine im Bad und somit auch der Berg. Und kennt ihr die klebrige Stelle, die seit mindestens einer Woche auf dem Küchenboden ist?

Wir wollen wirklich, dass unser Haus sauber ist und unsere Poststapel sortiert und abgeheftet wird. Wir haben wirklich die gute Absicht, Dinge zu erledigen. Aber dann sind wir so müde und unmotiviert, dass wir noch die Energie für ein Schokoladendinner haben und das war es.

Raus aus dem Sumpf

Klar ist, dass jetzt natürlich der Punkt kommt, an dem ich euch das rate, was ich auch tun musste: Sich an den Haaren aus dem Sumpf ziehen. Ich ärgere mich immer, wenn ich Ordnungsratgeber lese, dass mit so lapidaren Sätzen wie „und dann entscheiden wir uns, mehr Ordnung in unser Leben zu bringen.“ alles geklärt zu sein scheint. Kann man machen. Wenn man nicht gerade in einer depressiven Verstimmung steckt, sich mehrmals am Tag übergeben muss oder sehr geübt in Achtsamkeit und der Benutzung von Affirmationen ist. Aber ganz ehrlich: So flottikarotti klappt das nicht. Denn wenn es so einfach wäre, dann würden alle in schicken Wohnung leben und keine Probleme mehr haben.

Oder man bekommt den oft auch zitierten Satz mit den kleinen Schritten um die Ohren gehauen. Kleine Schritte? Prima Idee! Aber welche? Und wo beginnen sie? Und wie klein darf denn der Schritt sein? Reicht es schon, wenn ich mich nach drei Tagen endlich mal wieder dusche?

Achtung: Jeder hat eigentlich einen ganz guten Sinn dafür, wie klein sein ganz persönlicher Schritt ist. bei einer Depression ist das Aufstehen schon eine enorme Leistung. Andere haben größere „kleine Schritte“ und räumen beispielsweise die gesamte Wäsche weg.

Also erst mal ganz wichtig vorne weg, um den Druck rauszunehmen: Unser Chaos ist nicht an einem Tag entstanden. Und es kann auch nicht an einem Tag beseitigt werden. Und: Andere sind egal! Die Küchenbilder auf Instagram sehen alle so fantastisch aus? Glaub mir, der Boden unter der Küchenspüle klebt genauso wie deiner! Und kein Kind wird sich vernachlässigt fühlen, wenn die Spielsachen mal nicht ordentlich organisiert sind.

Motivation bei Krankheit

Wo anfangen?

Wenn einen das Leben aus der Kurve getragen hat und man langsam wieder starten möchte, dann ist es ganz wichtig zu schauen, was denn wirklich essentiell wichtig ist. Ihr werdet erstaunt sein, dass das gar nicht so viel ist. Ein Dach über dem Kopf, Nahrung für alle, ordentliche Kleidung. Und mit ordentlicher Kleidung meine ich nicht, dass das Kindergartenkleidchen gebügelt sein muss. Ich meine damit saubere, passende und heile Wäsche. Und klar: Schule ist wichtig – auch wenn es euch richtig schlimm geht, steht das für die Kinder immer auf der Prioliste – aber das ist klar, oder?

Soweit die wirklichen Basics. Und damit die funktionieren habe ich euch 5 wichtige Punkte aufgeschrieben, die mir geholfen haben. Auf den ersten Blick mögen sie wirklich sehr Basic sein, aber wenn du mal kurz in dich reinhörst, dann wirst du feststellen, dass es manchmal wirklich nicht mehr braucht.

#1 Für den Bauch und etwas Anzuziehen

Was gibt es zu essen? Kochen überfordert meistens schon. Denn wir verbinden ganz viel mit dem Zubereiten von Mahlzeiten. Wir wollen unserer Familie und uns etwas auf den Tisch stellen, was wir mit Liebe zubereitet haben und was uns gesund erhält. Fühlt ihr die Emotionen, die damit verbunden sind? Und dafür reicht unsere Energie dann manchmal einfach nicht mehr aus.

Also streiche das Emotionale lasse nur noch das „Nährende“: Mache einen kleinen Plan, damit die Woche abgedeckt ist. Hier geht es nicht um kulinarische Experimente, sondern um die Basis. Frühstück, Pausenbrot, Mittag-/Abendessen – Brot, Nudeln, Suppe. Geht es dir nicht gut, dann erwartet niemand ein Sternemenue. Vielleicht schaust du nach Fertigprodukten in guter (Bio) Qualität? Niemand wird an Unterernährung oder Skorbut sterben, wenn es mal ein paar Tage nur Nudeln mit Soße oder Backofen-Pommes gibt.

Dann ran an die Waschmaschine: Einmal alles durchsortieren und durchwaschen. Stell Körbe auf, in die die gewaschene Wäsche pro Person kommt. Keine Bügelaktionen, keine großen Faltpartys – vergiss nicht, hier geht es nur um die Basics! So kann sich jeder etwas Frisches aus dem Korb fischen und keiner verlottert. Aber mach dich einfach in der Zeit frei und akzeptiere Farbzusammenstellungen, die sonst nicht aus dem haus gehen dürften 😉

#2 Time is Money

Der Blick in den Kalender ist wichtig! Nicht, um dich zu stressen. Cancel alle Termine und schlepp dich nirgends hin. Elternabende finden auch ohne dich statt, wichtige Meetings auch. Ehrlich! Aber: Dinge, die Geld kosten können Priorität haben. Das sind offene Rechnungen, die Rückgabe von Bibliotheksbüchern, aber oft auch Elternbriefe, die unterschrieben werden müssen (Schulbuchausleihe etc.). Das solltest du irgendwie hinbekommen. Warum dieser Punkt wichtig ist? Zum einen spart er bares Geld! Zum anderen gibt es dir aber auch das gute Gefühl, dass dir dein Leben nicht komplett entgleitet. Ein paar abends schnell eingegebene Überweisungen kosten kaum Energie, sagen aber deinem Unterbewusstsein „Hey, ich habe etwas Wichtiges abgehakt!“

#3 die schnelle Morgenroutine (oder halt auch abends)

Geht es dir ein bisschen besser? Hast du ein paar Minuten? Dann ist der nächste Schritt eine kleine Routine in den Tag einzubauen. Es sind nur ein paar Kleinigkeiten, die einen wirklichen Unterschied machen. Ich liste sie auf und du kannst sie jeden Tag ein bisschen erweitern:

  1. Geschirr spülen
  2. Oberflächen in der Küche abwischen
  3. Tisch abdecken und abwischen
  4. Oberfläche im Bad abwischen
  5. Spielzeug ins Kinderzimmer bringen
  6. Wäsche wegräumen

Nicht vergessen: Am Anfang ruhig das weglassen, was nicht essentiell ist. Starte mit einer Aufgabe oder mit zweien – je nachdem wie du dich fühlst. Bei mir leidet das Bad immer am meisten 🙂 Lasse dich nicht entmutigen, wenn es ein paar Wochen dauert, bis die Routine zur Gewohnheit wird.

Das Erstaunliche ist: Diese 6 Punkte decken wirklich so viel ab, dass die Wohnung/das Haus ordentlich erscheint! Schon ein abgedeckter und leer geräumter Esstisch ist ein echtes Wunderding. Probier es aus!

#4 Jeden Tag ein Special

Es geht voran! Und wenn du soweit bist, dann nimmst du dir jeden Tag eine Spezialaufgabe vor. Das kann Staubsaugen sein. Oder das komplette Aufräumen eines Zimmers. Blumengießen, ein Fenster putzen, die Dusche durchwischen. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um das gute Gefühl etwas geschafft zu haben – sei es noch so klein!

Oooooooooder: dein Special ist eine Haushaltshilfe. Besorg dir eine Putzfrau, die dich unterstützt. Jaja, hab ich natürlich nicht vorgeschlagen ;-).

#5 Such dir Entlastung

Als es mir so schlecht ging, bekam ich im Nachhinein, als ich von meiner schlimmen Zeit erzählte, immer ein „Warum hast du denn nichts gesagt? Ich hätte dir doch geholfen!“ Ja, warum hab ich nicht?

Bei mir war es ganz einfach: ich wollte nicht, dass mich jemand verheult und als Häufchen Elend in meinen Schlabberklamotten auf dem Bett sieht. Ich wollte nicht, dass jemand mein Chaos sieht – mein innerliches und mein äußerliches. Ich wäre vor Peinlichkeit gestorben.

Wenn ihr es schafft, dann nehmt die Hilfe von Freunden an! Ehrlich! Wenn ihr so seid wie ich, dann sucht euch andere Entlastung. Bestellt Essen beim Lieferdienst, bringt die Hemden des Mannes in die Reinigung, gebt die Kinder ab. Das Kind möchte spät noch abgeholt werden, aber euch fallen die Augen zu? Bestellt ein Taxi. Die Oma braucht frische Wäsche im Krankenhaus und ihre Wohnung ist ewig weit weg? Kauft einen Packen neue. Amazon liefert mittlerweile fast alles – von der Windel bis zur glutenfreien Nudel.

Entlaste dich! Ehrlich, das ist die beste Methode um kurzfristig wieder auf die Beine zu kommen. Nur so kannst du langsam wieder in den Alltag finden und der ewigen Spirale aus „das schaff ich sowieso nie“ entkommen.

Und noch ein ganz kleiner Tipp von mir: weine eine Runde! Setz dich ins Auto, wenn es niemand sehen soll. Leider kann ich das nicht gut auf Kommando und so sehe ich mir einen unglaublich traurigen Film an. Tränen sind wahnsinnig stressabbauend – probier es aus!

 

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11 Kommentare

  1. Liebe Sabine,
    Vielen Dank für deinen interessanten, sehr persönlichen und liebevollen Beitrag, der mich auch noch an der ein oder anderen Stelle zum Lachen gebracht hat.

    Ich kann dir in vielen Punkten beipflichten und kenne die ein oder andere Phase leider auch sehr gut. (auch wenn ich keine Kinder habe sondern an deren Stelle verschiedene Kunde und Projekte da ich Ich als selbstständige Dienstleisterin arbeite).

    Aber aus welchem Grund auch immer man in diesen Teufelskreis aus Selbstanspruch und Überlastung hinein gerät, letzten Endes ist man selbst auch der Einzige der sich da behutsam wieder hinaus führen kann, auch wenn eine liebevolle Begleitung durch Partner, Familie und Freunde enorm helfen kann.

    Du hast es mit deinen 5 Vorschlägen auf den Punkt gebracht, denn am Anfang können die Schritte ruhig klein sein, sie werden wachsen – und mit ihnen die Menschen die sie machen.

    Ich hoffe dass viele diesen wirklich liebevollen Artikel lesen, damit vielleicht auch erkennen können dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind und den Mut finden, die ersten kleinen Schritte zu machen.

    Liebe Grüße
    Susanne

  2. Ich habe, als es mir unglaublich schlecht ging, immer bei den Hunderunden geheult. Teilweise war das der einzige Zeitpunkt des Tages, an dem ich vollständig ausgehtauglich bekleidet das Haus verlassen habe. Zumindest diese eine Stunde funktionieren…. manchmal habe ich dann im Wald Wanderer getroffen, die ganz schön seltsam geschaut haben, wenn ihnen ein verheultes Wesen mit großem Hund entgegen gekommen ist.
    Liebe Grüße
    Gabi

  3. Hallo liebe Sabine,
    vielen lieben Dank für diesen Beitrag. Er spricht mir aus der Seele. Ich habe auch mit einem Erschöpfungssyndrom zu kämpfen und weiß genau wie man sich fühlt, wenn einem alles zu viel ist und nix mehr geht. Man will alles machen aber bekommt nichts auf die Reihe. Schlimm finde ich das jemand, der das noch nie hatte sich es nicht im geringsten vorstellen kann wie das ist; und Bekannte meinen man ist desinteressiert wenn man sich nicht aufraffen kann etwas zu machen oder miteinander zu machen.
    Deine Anregungen und Tipps sind toll und der ganze Artikel ist wirklich aufmunternd.
    Vielen Dank dafür.
    Liebe Grüße Melanie

  4. Was für ein toller, ehrlicher und hilfreicher Beitrag!! Ich sollte ihn mir ausdrucken und an den Kühlschrank hängen…
    Vielen lieben Dank dafür und alles Gute für Dich!

  5. Toll geschrieben, und Respekt vor deinem Mut zur Ehrlichkeit. Mir ging es ähnlich als mich die Grippe erwischt hatte. Die Krankheitssymptome waren schnell weg aber meine Kraft und Energie kam für 4-5 Monate nicht wieder. Da dachte ich zwischenzeitlich auch , wieso überhaupt noch aufstehen, du schaffst körperlich doch sowieso nichts. Dann hab ich es wahrscheinlich intuitiv gemacht wie du, jeden Tag nur etwas. Dann wurde eben nicht das ganze Bad geputzt sondern nur das Becken… ich habe meinen Sohn tatsächlich auch mal ins Taxi gesetzt und öfter was bestellt, viele Dinge so wie du gemacht. Schön hier mal zu lesen das eben auch das nicht perfekte zum Leben dazu gehört.
    Viele Grüße Kathrin

  6. Ich muss gerade weinen, ich fühle mich mit meiner Antriebslosigkeit sehr schlecht und schuldig und dachte bis jetzt ich bin die einzige und die letzte. Ich versuche immer wieder alles in den Griff zu bekommen aber sobald ich mit einer Aufgabe fertig bin, ist alles andere wieder in totalem Chaos. Ich werde jetzt deine Tipps ausprobieren. Vielleicht klappt es endlich? Vielen Dank für den Beitrag.

    • Ute Kemper

      Hallo Anna, du bist nicht allein mit diesen Gefühlen. Versuche, die Selbstvorwürfe wegzulassen.
      Mir hat der Gang zum Profi letztendlich am meisten geholfen.
      Alles Liebe für Dich.
      Ute Kemper

  7. Oh vielen Dank! Du hast exakt meine Situation und Gedanken beschrieben. Wie tröstlich, damit nicht alleine zu sein! Ich werde mich an deinen Tipps versuchen festzuhalten.
    Ich vergesse schnell, dass viele Menschen mal traurig, beschämt oder überfordert sind. Damit versteckt man sich in der Regel ja. Aber wir sind viele.

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